Wie bereits erwähnt wird man, kaum auf der Strasse, zum Allgemeingut der Gesellschaft erklärt und für jedermann ansprechbar. In guter Gemütsverfassung kann dies durchaus anregend sein, nur manchmal gibt es auch Tage, an denen der I-Pod allerbeste Dienste leistet...Eine sehr verbreitete Form der Kontaktaufnahme ist die Formel Toubab, Toubab, donne-moi irgend etwas, auf die ich in diesem Eintrag ein bisschen näher eingehen möchte. Mit illustren Beispielen aus unserem Alltag versehen ohne jedoch die globale Dimension des Problems aus den Augen zu verlieren.
Aufgrund der weissen Hautfarbe (leider kann man eben nicht aus der Haut fahren, auch wenn man manchmal gerne möchte) ist man unübersehbar als potentielle Geldquelle markiert. Es fängt an bei den Kindern die es unermüdlich mit "Toubab, Toubab, donne-moi 100 Francs versuchen. 100 Francs sind 25 Rappen oder äquivalent mit 4 Bonbons oder einem Brot. Natürlich geben wir keine 100Francs an Kinder, da dies nur zu Schwierigkeiten führen würde, aber dazu später.
Die Grösseren wollen dann prozentual auch grössere Spenden, wie das Fahrrad, die Uhr, die Halskette oder am Besten gleich die ganze Bekleidung. Oder ganz oben auf der Liste steht natürlich immer und vorallem bei Männern aller Altersklassen das Ticket nach Europa. Das führt dazu dass sie dir auf offener Strasse und aus heiterem Himmel schnell mal ihre Liebe versprechen in der ernsten Hoffnung, diese allzu offensichtlich anderweitig motivierten Annäherungsversuche würden zum gewünschten Ergebnis führen.
Konkret werden wir in letzter Zeit immer öfters mit Anfragen bombardiert, die über das übliche Strassenniveau herausgehen. Letzthin hat der Jugendliche, der bei uns im Geschäft für den Ataya (Tee) zuständig ist, meiner Kollegin eine Notiz zugesteckt, in der er um 10000 CFA (25 CHF) für seine kranke Grossmutter bat. Seine Enttäuschung über den "negativen Entscheid" war riesig, genauso wenig verstand er unseren Vorschlag, doch eine Kollekte zu starten. Die Folge: Wir kriegen seither keinen Tee mehr... Unser Ärger über die Erwartungshaltung war mindestens ebenso gross, seither kochen wir halt wieder unseren Espresso.
Unser Vermieter hatte ein noch grösseres Anliegen, er möchte gerne, dass wir in Europa eine Geldquelle für seine Felder finden, die leider nicht rentabel sind. Erklärend, dass es keine Finanzierungen für Private gäbe, meinte er, eine Motorpumpe würde doch aber schon irgendwie und irgendwo drinliegen...Auch seine Enttäuschung über das Nichteintreten auf sein Begehren war sichtbar gross, genauso wie sein Erstaunen darüber, dass wir als Freiwillige hier sind und von keiner Seite Lohn beziehen.
Unsere Gastgeberin fürs tägliche Mittagessen (für das wir einen korrekten Preis bezahlen) hat denn auch seit Kurzem fast täglich ein neues Anliegen, wie z.Bsp. einen Pulsmesser (sie ist arbeitslose Krankenschwester), Kosmetikprodukte oder Medikamente (die sie dann sorgsam für spätere Zwecke aufbewahrt...). Abgesehen davon zieht sie über ihren Nachbarn, den oben erwähnten Vermieter, her, um uns vor seinen Interessen zu warnen. Nun ja, wer da in welchem Interesse wessen Interessen verteidigt, ist manchmal schwer zu eruieren. Sicher ist aber, dass fast jeder irgendein Interesse daran hat, mit Weissen in Kontakt zu kommen, um diese als potentielle Geldgeber auszunützen.
Diese Erwartungshaltung ist ein echtes Problem und ein riesiger Ungemütlichkeitsfaktor. Sie stellt alle persönliche Beziehungen in Frage und birgt einigen Diskussionsstoff in sich. Einerseits verifizieren anscheinend immer noch der Grossteils der hier arbeitenden Toubabs das Klischee des grosszügigen Gönners, ganz zu schweigen von den NGO’s die Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Staat garantieren sollte und so in Domänen aktiv sind, wo sie eigentlich nicht hingehören. Andererseits scheint es in der hiesigen Gesellschaft in keiner Weise unwürdig, andere um Geld anzubetteln. Und schliesslich haben wir natürlich mehr Geld als die meisten Menschen hier, was aber nicht heissen will dass wir auch in Europa zu den Reichen gehören.
Die Problematik gibt uns viel zu denken und wir diskutieren gerade oft und intensiv über die Gründe und die Hauptakteure der ganzen Thematik. Dabei ist uns klar, dass wir uns bis jetzt noch nicht in wirklich delikaten Situationen wiedergefunden hätten, was Anfragen aller Art betrifft. Im geschützten Rahmen unseres Praktikums sind wir nur sehr selten mit direkten Subventionsanträgen konfrontiert und im privaten Rahmen versuchten wir bis jetzt, einerseits unsere Situation zu erklären und andererseits irgendwie millimeterweise zu bewirken, dass sich diese Erwartungshaltung gegenüber von Weissen irgendwie mal ändern könnte...
Als Abschluss dieses Artikels zitiere ich gerne unsere Gastgeberin mit einer Aussage, die meiner Meinung nach einiges Aussagt, über das Bild der Weissen in den Köpfen der Senegalesen: "Les Toubabs deviennent de plus en plus intelligents. Ils ont commencé à arrêter de donner de l’argent."
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